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Auch große Banken werden Pleite gehen

28. Juli 2008, 04:00 Uhr
Von Das Gespräch Führte Martin Dowideit

Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff über Preisblasen bei Immobilien, höhere US-Steuern und ein "verlorenes Jahrzehnt"
New York - Es sind gute Zeiten für schlechte Wirtschaftsnachrichten in den USA, schreibt eine New Yorker Zeitschrift. Wirtschaftswissenschaftler streiten sich, ob das Land eine anhaltende Phase schwachen Wachstums überhaupt noch vermeiden kann. Ökonom Kenneth Rogoff sieht die Vereinigten Staaten in der schwersten Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg und glaubt, dass die US-Wirtschaftspolitik europäischer werden dürfte.
Die USA könnten laut Rogoff bald weniger Wert auf Wachstum legen, und die Bürger könnten sich mit höheren Steuern konfrontiert sehen. Der 55-Jährige lehrt Volkswirtschaft an der Harvard-Universität nahe Boston. Von 2001 bis 2003 war er Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds.
DIE WELT:
Kaum Wachstum, steigende Inflation, Immobilien- und Finanzkrise: US-Zeitungen sprechen bereits vom "Tag der Abrechnung", den die amerikanische Wirtschaft durchstehen müsse. Sehen Sie das auch so?
Kenneth Rogoff:
Derzeit erleben wir die umgekehrte Dynamik des Aufschwungs, den wir in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren erfahren hatten. Mit dem schwachen Wachstum müssen die Vereinigten Staaten für den Schulden finanzierten Boom der vergangenen Jahre zahlen.
Es hat schon mehrmals ausgesehen, als würde sich wenigstens die Finanzkrise beruhigen. Doch es gibt immer wieder Überraschungen wie zuletzt die Krise der Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Wird das so weiter gehen?
Rogoff:
Mit Sicherheit. Ich glaube, dass es noch schlim-mer kommt. Die Immobilienprei-se müssen wohl noch zehn bis15 Prozent fallen. Das wird zu mehr Problemen im Finanzsektor führen, zu höherer Arbeitslosigkeit und Gegenwind für den Konsum.
Gibt es keine Aussicht auf baldige Besserung?
Rogoff:
Es ist eine sehr schwierige Phase. Die USA stecken in ihrer schwersten Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig verlangsamt sich das Wirtschaftswachstum, und die Inflation steigt stark an. Die Wurzel des Übels ist nach wie vor die Preisblase auf dem Immobilienmarkt. Und es gibt eine zweite Blase beim US-Konsum, der mehr als 70 Prozent der Volkswirtschaft ausmacht.
Haben die Zinssenkungen der Zentralbank Federal Reserve (Fed) und das 160-Milliarden-Dollar-Konjunkturprogramm der US-Regie-rung denn nicht geholfen, Schlimmeres zu ver-meiden?
Rogoff:
Die Behörden haben nicht versucht, die Blasen zu bekämpfen, sondern sie gestützt. Die Steuernachlässe sind ein Versuch, den Konsum hochzuhalten. Die Rettungsaktionen für die Immobilienfinanzierer Fannie und Freddie und die Investmentbank Bear Stearns sollen den Immobilienmarkt am Leben halten. Aber der Konsum wird sich irgendwann abschwächen, und die Hauspreise werden weiter fallen. Die Politik hat nur erreicht, dass der Zug in Zeitlupe entgleist. Der Unfall wird nicht vermieden werden, und die gesamte Wirtschaft wird den Preis dafür zahlen.
Heißt das, weitere Banken wie zuletzt Indymac in Kalifornien werden Pleite gehen?
Rogoff:
Regionalbanken wird es gleich dutzendweise erwischen, bevor das hier zu Ende ist. Auch ein paar durchaus große Banken werden wohl übernommen werden oder gar Pleite gehen. Die Finanzbranche muss schrumpfen, weil ganze Geschäftsfelder weggebrochen sind und nicht wiederkehren werden. In der Luftfahrtbranche gehen in so einem Fall Fluggesellschaften Pleite oder werden von Konkurrenten geschluckt. Doch die Federal Reserve scheint das Bild vor Augen zu haben, dass sie es bewerkstelligen kann, alle Institute um 15 Prozent schrumpfen zu lassen. Doch das funktioniert in einem kapitalistischen System nicht.
Die Inflation steigt derzeit kräftig an. Wird die Fed bald mit Zinserhöhungen dagegen angehen?
Rogoff:
Die Fed hat sich ein tiefes Loch gegraben, weil sie so viele Blankoschecks ausgegeben hat, um die Finanzkrise zu mildern. Ich erwarte, dass sie verbal weiterhin sehr hart gegen die Inflation vorgehen wird, aber sonst wenig tun wird. Denn sie ist der Finanzbranche ausgeliefert und hat einige Risiken in die eigenen Bücher genommen. Selbst wenn die Inflation für ein paar Jahre auf fünf oder sechs Prozent steigt, wird die Zentralbank dies gegenüber einer tieferen Finanzkrise vorziehen.
Also droht Stagflation, eine Kombination aus schwachem Wachstum und hoher Inflation?
Rogoff:
Die Fed steckt in einer Zwickmühle. Inflation ist das langfristige Problem, die Wirtschaftsverfassung das kurzfristige. Wahrscheinlich müsste sie strenger gegen Inflation vorgehen, als sie es tatsächlich tun wird. Denn die Versuchung ist gewaltig, in die andere Richtung zu schauen, während die Inflation steigt. Denn wenn die Inflation steigt, bleiben die Hauspreise real betrachtet wohl eher konstant. Das wirkt psychologisch und hilft zu verhindern, dass der Markt in eine Schockstarre verfällt. Außerdem wird der Druck im Prä-sidentschaftswahlkampf immens sein, keine aggressiven Erhöhungen vorzunehmen.
Stecken die USA denn bereits in einer Rezession?
Rogoff:
Es ist Haarspalterei, ob es bereits eine Rezession ist oder nicht. Das Eingreifen der Regierung hat den Absturz verlangsamt, aber dafür den Abschwung in die Länge gezogen. Vor Ende 2009 wird sich die Lage nicht wirklich bessern, und bis dahin wird es sich auf jeden Fall wie eine Rezession angefühlt haben. Das wird sich in den Arbeitsmarktzahlen, an den Aktienmärkten und den Wachstumszahlen niederschlagen.
Manche Beobachter befürchten für die USA ein "verlorenes Jahrzehnt", wie es Japan erlebt hat.
Rogoff:
Die Gefahr besteht durchaus, falls die Reaktion der Politik in die falsche Richtung geht. Und das könnte durchaus geschehen, wenn man sich vor allem die von den Demokraten im Vorwahlkampf vertretenen Positionen ansieht. Demokratische Kandidaten für Senat und Repräsentantenhaus haben sich etwa für stärkere Gewerkschaften ausgesprochen, wollen Handelsrestriktionen verschärfen und Steuern deutlich erhöhen. Selbst wenn der republikanische Kandidat John McCain gewinnt, erwarte ich große Steuererhöhungen. Dadurch könnte es ein Jahrzehnt geben, in dem der Produktivitätszuwachs wesentlich geringer ist als er es in den vergangenen 15 Jahren war.
Der amtierende Präsident George W. Bush spricht sich gerne für freie Märkte und wenig Regulierung aus. Geht diese Phase der amerikanischen Wirtschaftpolitik zu Ende?
Rogoff:
Alles was die Wähler mit Präsident Bush verknüpfen, wird nach der Wahl unpopulär sein. Für alle, die eine Verschiebung zugunsten der Linken sehen wollen, ist es der perfekte Moment. Wir werden sehen, wie die amerikanische Wirtschaft europäischer wird. Das könnte eventuell gut für die Lebensqualität sein, wäre aber nicht sehr gut für die Produktivität und das Wirtschaftswachstum.
Und das ist in Ihren Augen falsch?
Rogoff:
Es ist einfach eine Abwägungsfrage. Höhere Steuern und höhere Regierungsausgaben verlangsamen das Wachstum. Wir könnten durchaus ein Jahrzehnt sehen, in dem die USA ihr System neu justieren - zu geringerem Wachstum und mehr Ausgeglichenheit. Es scheint ganz so, als sei das die Richtung, in die uns die politischen Winde tragen werden.
Und wer gewinnt die Präsidentschaftswahl?
Rogoff:
Die Karten sind derzeit deutlich zugunsten der Demokraten verteilt, vor allem weil Präsident Bush so unbeliebt ist. Sie haben eine riesige Chance, eine deutliche Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus zu erreichen. McCain kandidiert zwar für die Republikaner, findet aber bei unabhängigen Wählern großen Anklang. Daher ist das Präsidentschaftsrennen nach wie vor sehr offen. Aber egal wer Präsident wird, die Mehrheit im Kongress wird wohl den Demokraten gehören.

Quelle: http://www.welt.de