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Der Börsenkrach von 1929 beendet abrupt die goldenen Zwanziger

Von Hanno Mußler

27. März 2008 Um halb elf war die Börse von blinder, hoffnungsloser Angst erfüllt“, berichtet der Ökonom John Kenneth Galbraith in seiner Chronik über den 24. Oktober 1929, der in Amerika als schwarzer Donnerstag und in Europa mit einem Tag Verzögerung als schwarzer Freitag in die Geschichtsbücher einging. Draußen in der Wall Street muss die Polizei für Ordnung sorgen: Aktien werden für ein Butterbrot verkauft, Menschentrauben fordern den Selbstmordsprung eines Arbeiters, der auf dem Dach einer Wall-Street-Bank Reparaturen ausführt.
Drinnen in der Börse rattern die überlasteten Fernschreiber. Wild gestikulierende Makler fordern von ihren Kunden Nachschüsse auf kreditfinanzierte Anlagen und arbeiten entnervt eine Lawine an Verkaufsaufträgen ab. An den nächsten Tagen steigert sich die Panik noch - trotz etlicher Beschwichtigungsversuche, gepaart mit Stützungskäufen ranghoher Banker. Am Dienstag, dem 29. Oktober 1929, erreicht die Verkaufswelle ihren Höhepunkt. In der ersten halben Stunde des Handels wechseln 3,2 Millionen Aktien ihren Besitzer. Einige Aktien mit zuvor dreistelligen Kursen finden erst für einen oder für zwei Dollar einen Abnehmer. Drei Jahre später sind 89 Prozent der im Jahr 1929 in der Spitze erreichten Marktkapitalisierung vernichtet.Abruptes Ende des HöhenflugsDem Crash vorausgegangen war eine große Spekulation, fußend auf dem Optimismus und dem Aufschwung der goldenen Zwanziger. Das Fließband ermöglichte die Massenproduktion von Autos, auch das neue Medium Radio beflügelte die Träume der Börsianer. Der Kurs der Radio Corporation of America (RCA) stieg von Mitte der zwanziger Jahre bis 1929 von 5 auf 500 Dollar. 1932 hatte die RCA-Aktie 98 Prozent des Wertes verloren, viele Hersteller von Radioempfängern waren Konkurs. Auf dem Höhepunkt der Börsenhausse jubelte Herbert Hoover noch: „Wir sind dem endgültigen Sieg über die Armut heute näher als nie zuvor in unserer Geschichte.“

Der Lebensstandard war indes schneller als die Einkommen gewachsen. Nur Kundenkredite und Ratenkäufe hatten den Konsum in diesem Ausmaß möglich gemacht. Doch nicht nur der kleine Mann versuchte dank großzügiger Kreditvergabe der Banken den Weg vom Tellerwäscher zum Millionär. Auch an der Börse wird viel auf Kredit gekauft. Vor allem die damals neuen Investment-Trusts arbeiten oft wie heute Hedge-Fonds mit 80 Prozent Fremdkapital.
Aktien sind der Anlage-Renner
Lange Zeit waren Investment-Trusts an der Wall Street verdächtig gewesen, berichtet Galbraith in seiner Chronik. Briten und Schotten spotteten schon, Amerika habe einen Trend „zum Reichwerden“ verschlafen. Erst am Jahresanfang 1929 wurden Investment-Trusts in Amerika börsenfähig. Banken, Makleragenturen und Effektenhändlern gründeten dann fast täglich Investment-Trusts und führten sie an die Börse. Selbst Dienstmädchen und Taxifahrer erwarben Anteile der Fonds, die mit den erhaltenen Geldern ein angeblich wohlausgewogenes Paket von Aktien kauften. Auf diese Weise sollte das Risiko für den unerfahrenen Spekulanten auf ein Minimum reduziert werden. Eigentlich eine gute Idee, die aber am Anfang ihrer praktischen Umsetzung zu Exzessen führte.

Nicht nur, dass diese Investment-Trusts oft betrügerische Neugründungen finanzierten. Sie konnten auch mehr Aktien alter Unternehmen verkaufen, als an der Börse angeboten wurden - und so deren Wert aufblähen. Anfang 1927 gab es etwa 160 Investment-Trusts; Ende 1927 waren es schon 300. Zwei Jahre später 750, davon eine große Anzahl, die von anderen Investment-Trusts gegründet worden waren. 1927, als sie ihre Tätigkeit aufnahmen, verkauften sie Aktien im Werte von 440 Millionen Dollar. 1929 setzten sie schätzungsweise 3 Milliarden Dollar um. Das war nicht weniger als ein Drittel des in jenem Jahr in Umlauf gekommenen Kapitals.
Waren Panikverkäufe Auslöser des Crash?
Einer der damals schillerndsten Investment-Trusts war der von Goldman Sachs. Die Investmentbank gründete ein Jahr vor dem Börsencrash erstmals ein derartiges Vehikel, die Goldman Sachs Trading Corp. Sie versteifte sich darauf, vorzugsweise eigene Aktien zu kaufen und so den eigenen Kurs zu befeuern. Im Monatstakt wurde durch die Ausgabe neuer Aktien neues Kapital eingesammelt, bis das Kartenhaus schließlich mit dem Crash und der sich anschließenden dreijährigen Baisse zusammenstürzte. Eine Wertpapieraufsicht im heutigen Sinne gab es damals nicht. Die Securities Exchange Commission (SEC) wurde erst in Reaktion auf den Crash von 1929 geschaffen.

Umstritten ist, ob die Marktteilnehmer an der Börse damals auf die sich abschwächende Konjunktur vorausschauend reagierten oder ob sie die Weltwirtschaftskrise mit ihren Panikverkäufen erst entscheidend auslösten. Unstrittig ist jedoch, dass die folgenden Bankenpleiten viel Elend in der Welt angerichtet haben. Die amerikanische Zentralbank, die den Diskontsatz 1928 um insgesamt 150 Basispunkte und 1929 um 100 Basispunkte erhöht hatte, senkte den Inter-Banken-Zins von 6,25 im Oktober 1929 bis auf 4,5 Prozent im November. Dennoch gingen zwischen 1929 und 1933 rund 40 Prozent der amerikanischen Banken pleite.
Sprungbrett der Nazis
Auch in Europa gingen zahlreiche Banken insolvent. Viele Bankkunden verloren ihre Einlagen. Denn Kundengelder waren anders als heute nicht geschützt. Es kam zu einem Teufelskreis: 1930 brach der Konsum ein. Die Arbeitslosigkeit stieg. Die Steuereinnahmen gingen zurück. Amerika erhob Zölle zum Schutz seiner Industrie von 60 Prozent; außerdem zog es seine Kredite aus Europa zurück, mit deren Hilfe zum Beispiel Deutschland seine Reparationszahlungen an Frankreich und England nach dem Ersten Weltkrieg beglich. Spätestens damit war die Krise in Europa angekommen.
In Deutschland verfolgte Reichskanzler Heinrich Brüning das Ziel, trotz der wegbrechenden Steuereinnahmen einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Nach klassischem ökonomischen Rezept kürzte er Sozialleistungen und öffentliche Aufträge; der Wirtschaftsabschwung verschärfte sich. Im Winter 1931/32 und 1932/33 waren mehr als 6 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos. Auch dies brachte im Januar 1933 die Nazis an die Macht. In Amerika verlor Präsident Herbert Hoover 1933 die Wahl.
Aggressive Liquidität war gefragt
Sein Nachfolger Franklin D. Roosevelt versuchte sich an der sozialen Befriedung des Landes mit einem neuen Rezept, dem „New Deal“. Die Idee dahinter stammte vom britischen Ökonomen John Maynard Keynes: In Zeiten von Investitionszurückhaltung trotz niedriger Zinsen muss der Staat anstelle der Unternehmen investieren und ein höheres Staatsdefizit in Kauf nehmen, um Arbeitsplätze zu sichern und die Konsumnachfrage anzukurbeln. In guten Wirtschaftszeiten soll sich der Staat wieder zurückziehen und sparen.
Nach der Analyse des Ökonomen Milton Friedman, der Keynes' Ideen ablehnte, hatte es die amerikanische Notenbank versäumt, während des Crashs 1929 den Markt aggressiv mit Liquidität zu versorgen - ein Versäumnis, das der Depression der dreißiger Jahre Vorschub geleistet habe. Daher sind amerikanische Notenbankchefs wie Alan Greenspan und heute Ben Bernanke seitdem bemüht, diesen Fehler nicht mehr zu begehen.
Geld aus dem Hubschrauber
Doch besteht die Gefahr, dass Anleger gerade darauf ihre Spekulation stützen, dass in einer Krise die Fed durch eine Verbilligung des Geldes und Liquiditätsspitzen stützend eingreifen wird. Mit gesundem Mutterwitz bringen Börsianer denn auch gerne ihr Vertrauen in die Notenbank zum Ausdruck: Greenspan-Put nannten sie es, dass der langjährige Notenbankchef nach den Terroranschlägen 2001 kräftig das Geld verbilligte und damit die Börsengeschäfte stützte.
Bernanke hat spätestens sein Krisenmanagement seit Juli 2007 den Spitznamen „Helikopter-Ben“ eingebracht. Denn schon 2002 hatte Bernanke als Wissenschaftler, der die Große Depression intensiv studiert hatte, gesagt, zur Not müsse die Notenbank Geld aus dem Hubschrauber abwerfen, um die Wirtschaft zu retten.

Text: F.A.Z.
Quelle: faz.net