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Die Parallelen zu 1933 sind fast schon beängstigend

Mitten in der Krise übernimmt Barack Obama die Macht. Im SPIEGEL ONLINE-Interview erklärt Autor Jonathan Alter, was der neue Präsident von Franklin D. Roosevelt lernen kann, was die Amerikaner von ihm erwarten - und warum die Wahl ein Blind Date ist.


SPIEGEL ONLINE: Sie müssen ein sehr glücklicher Autor sein. Der designierte mächtigste Mann der Welt, Barack Obama, erwähnt Ihr Buch "The Defining Moment" über den Ex-US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt seit Wochen. Wie ist es dazu gekommen?
Alter: Das Buch ist schon älter, es ist 2006 erschienen. Aber ich habe seinen Inhalt mit Obama voriges Jahr diskutiert, als er begann, den Begriff "The Defining Moment" in seinen Reden zu verwenden. Er sagte mir, er wisse, dass das der Titel meines Buches sei - und scherzte, das sei ein guter Trick von ihm, um meine Verkäufe anzukurbeln.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch ist eine Beschreibung der katastrophalen Weltwirtschaftslage 1933 und von Roosevelts ersten 100 Tagen im Amt. Was kann Obama davon für seinen Start lernen?
Alter: Obama hat schon gezeigt, dass er von Roosevelt gelernt hat, wie man auf eine massive Krise reagiert. In seiner Rede zum Amtsantritt sagte der bekannterweise, dass wir nur die Furcht selbst zu fürchten hätten. Aber sein wichtigster Satz war eigentlich ein anderer, an den Obama sich jetzt hält: "Wir brauchen Taten, und wir brauchen sie jetzt." Roosevelt ging es vor allem um die Botschaft, dass die Regierung für die Bürger da ist und handeln will, um ihnen bei ihren Problemen zu helfen. Das will jetzt auch Obama vermitteln.
SPIEGEL ONLINE: Aber lassen sich 1933 und 2009 überhaupt vergleichen?
Alter: Die Parallelen sind fast schon beängstigend. Klar, die Arbeitslosenquote war damals noch schlimmer - 25 Prozent verglichen mit rund acht Prozent heute. Aber andere Stimmungen sind ganz ähnlich: die Angst vor der Zukunft, das fehlende Vertrauen in die Märkte. Und auch der Streit um die Rolle des Staates ist vergleichbar. Der republikanische Präsident Herbert Hoover damals und George W. Bush heute glauben, dass es das persönliche Problem eines Bürgers ist, wenn er die Hypothek für sein Haus nicht mehr bezahlen kann. Roosevelt und Obama glauben genau das Gegenteil. Sowohl 1933 als auch 2009 stellen echte Einschnitte in der amerikanischen Geschichte dar. Ein Unterschied ist, dass heute niemand in den USA Demokratie und das kapitalistische System aufgeben möchte. 1933 war eine starke Minderheit dafür. Sogar Roosevelt hat kurz über eine Privatarmee und über diktatorische Maßnahmen nachgedacht. Diktator galt damals nicht als Schimpfwort. Hitler war gerade erst an die Macht gekommen und hatte den Begriff noch nicht diskreditiert.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch suggeriert, dass es auf den Mann an der Spitze in einer Krise ankommt. Wie vergleichen Sie Roosevelt und Obama?
Alter: Roosevelt wird oft ein zweitklassiger Verstand, aber ein erstklassiges Temperament bescheinigt. Wir wissen, dass Obama einen erstklassigen Verstand hat und sich im Wahlkampf gelassen und ausgeglichen gezeigt hat. Aber es ist noch nicht klar, ob er auch genug Leidenschaft mitbringt - die Churchill ein Treffen mit Roosevelt mit dem Öffnen einer Champagner-Flasche vergleichen ließ. Die Frage ist: Wird Obama den Amerikanern dauerhaft das Gefühl vermitteln können, dass es ihnen bald besser geht? Er muss ihnen Hoffnung machen. Ob er das schafft, wissen wir noch nicht. Die Wahl jedes US-Präsidenten ist auch eine Art "Blind Date".
SPIEGEL ONLINE: Man weiß aber immerhin, dass Obama ein guter Redner ist. Was für Themen erwarten Sie in seiner Ansprache am kommenden Dienstag?
Alter: Wahrscheinlich wird die zentrale Botschaft sein, dass wir in den USA unsere Differenzen überwinden und wieder zusammenhalten sollen. Es werden sicher ein paar Sätze drin stehen, die im Gedächtnis haften bleiben - aber die sind noch geheim. Von Hillary Clintons Auftritt im US-Senat am Dienstag wissen wir, dass die amerikanische Außenpolitik wieder mehr auf Diplomatie und Partner vertrauen will. Das wird wohl auch Obama betonen. Inaugurationsreden dienen aber vor allem der Inspiration und sind in aller Regel sehr kurz, rund 15 Minuten lang. Die Rede zur Lage der Nation Ende Januar ist länger, bis zu einer Stunde. Dann wird Obama sicher über das Konjunkturpaket sprechen, über Gesundheitsreform, Klimawandel, Energiepolitik, Iran, Irak, Afghanistan und vieles anderes.
SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben Roosevelts berühmte erste 100 Tage, in denen er die Weichen für eine Renaissance der USA stellte. Hat Obama überhaupt so viel Zeit, angesichts des heutigen Drucks der Mediengesellschaft?
Alter: Dieses Zeitfenster mag Obama nicht. Er würde lieber nach den Resultaten während seines ersten Jahres als Präsident beurteilt werden. Doch die Medien werden sich auf die 100 Tage stürzen. Die amerikanische Öffentlichkeit scheint bislang noch recht geduldig. Aber sollte die Wirtschaftslage im Herbst noch schwierig sein, wird Obamas Beliebtheit leiden. Er muss bis dahin nicht alle Probleme gelöst haben. Immerhin schaffte Roosevelt auch den Ausweg aus der Depression erst, als der Zweite Weltkrieg begann. Aber Obama muss Fortschritte präsentieren können.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz.

Dieser Beitrag wurde nicht geprüft. Quelle: » http://www.spiegel.de