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EZB ringt um ihre Strategie

HANDELSBLATT, Montag, 16. Juni 2008, 11:43 Uhr

Von Norbert Häring
Der Streit geht in die nächste Runde: Eine neue geldpolitische Studie der Notenbank stärkt die Position des Vizepräsidenten Papademos. Der kämpft schon lange gegen das Zwei-Säulen-Modell der EZB-Strategie - und damit gegen ein deutsches Vermächtnis.
FRANKFURT. In den Streit innerhalb der Europäischen Zentralbank (EZB) um die Reform ihrer geldpolitischen Strategie kommt Bewegung. In einem Forschungsbericht, den die Forschungsabteilung der EZB vor kurzem verbreitete, gelang es dem Autor zufolge, die bisher getrennten Säulen der EZB-Strategie zu kombinieren und so die Inflation genauer vorherzusagen. „Das bekräftigt, dass die beiden Säulen der EZB-Strategie nicht als gänzlich unabhängig voneinander betrachtet werden können“, lautet das Resümee der Studie.
Was auf den ersten Blick unspektakulär wirkt, rührt an eine zentrale Auseinandersetzung innerhalb der Notenbank. Denn es stärkt das Lager des EZB-Vizepräsidenten Lucas Papademos der für die Forschungsabteilung verantwortlich zeichnet, gegenüber seinem Direktoriumskollegen Jürgen Stark.
Die beiden Säulen der EZB-Strategie sind einerseits die Analyse der Geldmenge, andererseits die Analyse aller sonstigen Indikatoren für die Entwicklung von Konjunktur und Preisen. In der Kritik stand bei vielen Ökonomen von Anfang an die Geldmengenanalyse. Sie knüpft an die Bundesbanktradition an, macht die EZB-Strategie aber heute zu einem Unikat unter den Zentralbank-Strategien.
Die Zwei-Säulen-Strategie wurde von Otmar Issing entwickelt, dem ersten Chefvolkswirt der EZB. Die Kritiker monieren entweder, dass die Geldmengenentwicklung keinen verlässlichen Aussagegehalt für die künftige Inflationsentwicklung habe, oder sie plädieren dafür, die Trennung zwischen Geldmengenindikatoren und anderen Indikatoren aufzuheben. „Inflation getrennt mithilfe der Geldmenge und den anderen Indikatoren zu prognostizieren ist nicht sinnvoll“, meint dazu Stefan Gerlach. Der renommierte schwedische Ökonom, der an der Frankfurter Universität lehrt, hat sich unter anderem mit Untersuchungen einen Namen gemacht, die ebenso wie die aktuelle EZB-Studie zeigen, dass man die üblichen Inflationsprognosen unter Zuhilfenahme von Geldmengenindikatoren verbessern kann.
Aus der Veröffentlichung der Studie lässt sich nicht folgern, dass deren Schlussfolgerungen von der Führungsriege der EZB geteilt werden. Allein die Tatsache, dass sie mitsamt ihrer weitreichenden Empfehlungen für die Strategieentwicklung veröffentlicht wurde, ist jedoch ein Novum. So lange Issing für die Abteilungen Volkswirtschaft und Forschung zuständig war, lautete die offizielle Linie der EZB, dass die Integration der beiden Säulen nicht möglich sei. Seit sich aber Issing im Juni 2006 in den Ruhestand verabschiedet hat und sein Verantwortungsbereich auf die Vizepräsidenten Papademos und Stark aufgeteilt wurde, ist Bewegung in das Thema gekommen.
Stark kämpft dafür, die eigenständige und damit besonders hervorgehobene Rolle der Geldmengensäule zu bewahren. Er scheint aber zunehmend ins Hintertreffen zu geraten. In den Reden von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet kommt das früher allgegenwärtige Wort „Säule" in Zusammenhang mit der EZB-Strategie praktisch nicht mehr vor. Der Referenzwert für die Geldmengenentwicklung, zu Beginn der Kern der Geldmengenanalyse, wurde jüngst aus dem EZB- Monatsbericht getilgt.
Bereits kurz nach dem Abgang Issings war die hervorgehobene Rolle der Geldmenge intern unter Beschuss geraten. Eine unter Oberaufsicht von Papademos organisierte hochkarätige Forschungskonferenz der EZB geriet zu einer Siegesfeier der Geldmengen-Kritiker. Während Stark fast allein versuchte, die offizielle EZB-Linie zu verteidigen und dabei lediglich aus den Zuschauerrängen von einem aufgebrachten Bundesbank-Präsidenten Axel Weber unterstützt wurde, deutete Papademos an, wohin die Reise seiner Ansicht nach gehen sollte.
Vielleicht werde es einmal möglich sein, ein einheitliches Modell zu entwickeln, in dem die Geldmenge eine zentrale Rolle spielt, sagte er und fügte hinzu: „Wenn das gelingt, könnte es möglich sein, die beiden Säulen unserer Analyse zu einer Einzigen zu vereinen.“ Sein Forschungsprogramm scheint nun Früchte zu tragen.

Quelle: http://www.handelsblatt.com